Inklusive Kunstvermittlung

2022 · Inclusive Art Education: Sensory Approaches to the Exhibition “MAX BECOMES BECKMANN”

EN

As part of the exhibition MAX WIRD BECKMANN – Es begann in Braunschweig at the Herzog Anton Ulrich-Museum, an inclusive art education concept was developed for visitors who are blind or visually impaired. The project explored how a predominantly visual medium such as painting can be translated into tactile, spatial and sensory forms of perception.

The mediation concept was based on the principle of making the formal and material qualities of Max Beckmann’s painting accessible through objects and sensory experiences. Various props were used to establish a direct connection between the artwork and the participants’ own perception. Natural materials such as real reeds conveyed the structure and texture of the landscape, while a historically inspired wooden paint box containing original oil paint tubes and brushes provided an insight into the artist’s materials and working process. A canvas prepared with a pastose oil sketch made the physical thickness and texture of paint perceptible through touch.

A particular focus was placed on the translation of the painting’s composition, colour relationships and spatial structure into a tactile model. The original image was analysed and reconstructed through a practical painting process. The characteristic horizontal and vertical brushstrokes were studied, while layers of yellow and blue oil paint were used to investigate the formation of the landscape’s green tones. The process also revealed subtle colour nuances that are less immediately apparent in the original image, including yellow tones within the clouds.

In a second phase, the visual composition was transformed into a multilayered tactile relief. The image was divided according to its principal compositional elements and translated into differentiated materials. Smooth cardboard represented the background, soft white felt the clouds, green paper the hills, coarse brown sandpaper the forest, smooth blue foil the water and structured corrugated cardboard the reeds. The deliberate contrast between the surfaces enabled the different pictorial planes to be distinguished through touch.

The project also incorporated the olfactory dimension of perception. The smell of genuine oil paint evoked the atmosphere of the artist’s studio and connected the participants with the material process of painting. A forest- and lake-inspired fragrance was used to extend the landscape depicted in the painting into a sensory experience.

The project thus approached museum education as a process of translation rather than simplification. Instead of replacing the original artwork, the tactile and sensory materials created alternative ways of accessing its formal qualities. Composition, materiality, colour relationships, spatial depth and atmosphere became perceptible through a combination of touch, smell and verbal description.

DE

Im Rahmen der Ausstellung MAX WIRD BECKMANN – Es begann in Braunschweig im Herzog Anton Ulrich-Museum wurde ein inklusives Kunstvermittlungskonzept für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung entwickelt. Im Zentrum stand die Frage, wie ein überwiegend visuell wahrgenommenes Medium wie die Malerei in tastbare, räumliche und multisensorische Wahrnehmungsformen übersetzt werden kann.

Das Vermittlungskonzept zielte darauf, formale und materielle Eigenschaften der Malerei Max Beckmanns über Gegenstände und sinnliche Erfahrungen zugänglich zu machen. Unterschiedliche Requisiten stellten eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Kunstwerk und der eigenen Wahrnehmung der Teilnehmenden her. Echtes Schilf vermittelte die Struktur und Beschaffenheit der dargestellten Landschaft. Ein historisch nachempfundener Malkasten aus Holz mit originalen Ölfarbentuben und Pinseln machte die Materialien und den handwerklichen Entstehungsprozess der Malerei erfahrbar. Eine mit pastoser Ölfarbe bearbeitete Leinwand ermöglichte es zudem, Farbauftrag, Materialität und Oberflächenstruktur unmittelbar zu ertasten.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Übersetzung von Komposition, Farbbeziehungen und räumlicher Gliederung in ein Tastmodell. Dafür wurde die Malerei zunächst im Rahmen einer praktischen Rekonstruktion analysiert. Charakteristische horizontale und vertikale Pinselbewegungen wurden untersucht und nachvollzogen. Durch das Übereinanderlegen von Gelb- und Blautönen mit Ölfarbe wurde die Entstehung der Grüntöne der Landschaft nachvollzogen. Dabei wurden auch feine Farbnuancen sichtbar, die bei der unmittelbaren Betrachtung des Originals weniger offensichtlich erscheinen, beispielsweise gelbliche Töne innerhalb der Wolken.

In einer zweiten Phase wurde die visuelle Komposition in ein mehrschichtiges Tastrelief überführt. Die wesentlichen Bildebenen wurden voneinander getrennt und durch unterschiedliche Materialien repräsentiert. Glatter Karton bildete den Hintergrund, weicher weißer Filz die Wolken, grünes Buntpapier die Hügel, raues braunes Sandpapier den Wald, glatte blaue Folie den See und strukturierte Wellpappe das Schilf. Die bewusst stark voneinander abweichenden Oberflächen ermöglichten es, die einzelnen Bildebenen über den Tastsinn voneinander zu unterscheiden.

Ergänzend wurde die olfaktorische Wahrnehmung einbezogen. Der Geruch echter Ölfarbe stellte eine Verbindung zur Atelier- und Arbeitssituation des Künstlers her und machte den materiellen Entstehungsprozess der Malerei sinnlich erfahrbar. Ein Duft mit Wald- und Seearoma übertrug darüber hinaus die Atmosphäre des Landschaftsmotivs in eine weitere Wahrnehmungsebene.

Das Projekt verstand Kunstvermittlung damit als einen Prozess der Übersetzung und nicht der Vereinfachung. Die Tastmodelle und multisensorischen Materialien ersetzten das Original nicht, sondern eröffneten alternative Zugänge zu seinen formalen und materiellen Eigenschaften. Komposition, Materialität, Farbbeziehungen, räumliche Tiefe und Bildatmosphäre wurden über das Zusammenspiel von Tasten, Riechen und sprachlicher Beschreibung erfahrbar.

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