

Im Rahmen des Vortrages für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung in der Max Beckmann Ausstellung im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig (MAX WIRD BECKMANN – Es begann in Braunschweig) verwende ich verschiedene Requisiten, die alle Sinne ansprechen sollen.
Weiterlesen: Inklusive KunstvermittlungInklusive Kunstvermittlung: Sensorische Zugänge zur Ausstellung „MAX WIRD BECKMANN“ im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig im Februar 2022.
Für den Vortrag im Rahmen der Ausstellung „MAX WIRD BECKMANN – Es begann in Braunschweig“ im Herzog Anton Ulrich-Museum wurde ein barrierefreies Vermittlungskonzept für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung entwickelt. Da die visuelle Ebene der Originalwerke für diese Zielgruppe nur eingeschränkt oder gar nicht zugänglich ist, basiert der Vortrag auf dem gezielten Einsatz von Requisiten, die alle Sinne ansprechen. Durch das Zusammenspiel von Tastsinn und Geruchssinn wird die Malerei Max Beckmanns dreidimensional und räumlich erfahrbar.
1. Die Requisiten: Ein Fest für die Sinne
Um eine Brücke zwischen dem Kunstwerk und der Wahrnehmung der Teilnehmenden zu schlagen, kommen verschiedene multisensorische Materialien zum Einsatz:
Tasten und Fühlen:
- Naturmaterialien: Echte Schilfsorten (Länge ca. 20 cm) vermitteln die Haptik und Struktur der im Bild dargestellten Natur.
- Malmaterialien: Ein historisch nachempfundener Malkasten aus Holz, bestückt mit originalen Ölfarbentuben und Pinseln, macht das Handwerk des Künstlers greifbar. Ergänzt wird dies durch eine auf DIN A4 zugeschnittene Leinwand mit einer pastösen Ölskizze, die den dicken Farbauftrag spürbar macht.
- Tastmodelle: Speziell angefertigte Reliefmodelle dienen dazu, die Komposition und Konturlinien der Malerei haptisch zu entschlüsseln.
Riechen und Erleben:
- Atelier-Atmosphäre: Der charakteristische Geruch von echter Ölfarbe holt die Teilnehmenden direkt in den kreativen Entstehungsprozess des Künstlers.
- Bildatmosphäre: Eine Duftkerze mit Wald- und Seearoma übersetzt die Bildstimmung und das Landschaftsmotiv in ein olfaktorisches Erlebnis.
2. Der Übersetzungsprozess der Malerei (Zwei-Phasen-Modell)
Um die Struktur, Farbigkeit und Komposition der originalen Ölskizze von Beckmann für die Vermittlung aufzubereiten, wurde das Werk in zwei Schritten intensiv analysiert und übersetzt:
Phase 1: Die malerische Rekonstruktion (Farbe und Struktur)
In der ersten Phase wurden die Ölskizzen mit Acryl- und Ölfarben nachgemalt, um die Malweise Beckmanns tiefgreifend zu verstehen und zu vermitteln:
- Der Pinselstrich: Mit schnell trocknender Acrylfarbe wurden die charakteristischen waagerechten und senkrechten Pinselstriche des Originals exakt nachgebildet.
- Die Farbmischung: Durch das Übereinanderlagern (Lasieren) von Gelb und Blau mit echter Ölfarbe wurde der spezifische Grünton der Hügelkette rekonstruiert, der beim Betrachten optisch fast wie ein weißliches Gelb wirkt.
- Die Entdeckung des Details: Während die Wolken im Original auf den ersten Blick nur aus Weiß- und Grautönen zu bestehen scheinen, offenbarte der Prozess des Nachmalens feine Gelbtöne, die in einem kreisenden Pinselstrich aufgetragen wurden.
Phase 2: Das Tastmodell (Konturen und Bildebenen)
In der zweiten Phase wurde die flächige Malerei in ein tastbares Relief übersetzt. Hierzu wurde das ausgedruckte Bild auf Karton fixiert und entlang der wesentlichen Konturlinien zerschnitten, um die Staffelung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund exakt herauszuarbeiten.
Bei der Auswahl der Materialien wurden die Richtlinien des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) konsequent umgesetzt. Jede Bildebene unterscheidet sich radikal in ihrer Textur und Haptik, um maximale Kontraste für tastende Finger und verbliebene Sehmaxima zu bieten:
- Hintergrund: Glatter Karton
- Wolken: Weicher, weißer Filz
- Hügel: Grünes Buntpapier
- Wald: Raues, braunes Sandpapier
- See: Glatte, blaue Glanzfolie
- Schilf: Strukturierte, braune Wellpappe
Durch diese klare Differenzierung wird die visuelle Komposition der Ölskizze in ein fühlbares Relief transformiert, das den Teilnehmenden eine selbstständige, räumliche Orientierung im Bild ermöglicht.
