Akademischer und künstlerischer Werdegang: Felizitas Zechmeister
1. Institutionelle Verortung, akademische Abschlüsse und künstlerische Fachklassen
Die künstlerische und kunstpädagogische Praxis von Felizitas Zechmeister (geboren 1982 in München) ist durch eine über zwei Jahrzehnte gewachsene Bindung an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) und die Wissenschaftsregion Niedersachsen geprägt. Ihr Profil bewegt sich an der Schnittstelle von freier Kunst, Design, akademischer Lehre und schulischer Kunstvermittlung (vgl. Mörsch 2009; Sternfeld 2014).
Ihre akademische Ausbildung an der HBK Braunschweig umfasst drei eigenständige Abschlüsse, die ein transdisziplinäres Fundament bilden:
- 2010: Abschluss als Diplom-Designerin.
- 2011: Abschluss des Diploms für Bildende Künste.
- 2023: Verleihung des Bachelor of Arts (B.A.) KUNST.Lehramt im Rahmen des konsekutiven Verbundstudiums mit der Technischen Universität Braunschweig (Studienprofil Lehramt mit dem Zweitfach Geschichte, absolviert vom 01.10.2020 bis 31.03.2023).
Während ihres Kernstudiums der Bildenden Kunst (2001–2011) vertiefte Zechmeister ihre Schwerpunkte in Film, Fotografie, Druckgrafik und Malerei innerhalb renommierter künstlerischer Fachklassen:
- 2002–2005: Prof. Birgit Hein (Film) – frühe Erkundungen zu Körperfragmentierung und non-linearen Strukturen (vgl. Silverman 1996).
- 2005–2006: Prof. John M. Armleder (Malerei) – kollektive Praxis und relationale Ästhetiken im Klassenverband (vgl. Bourriaud 2002).
- 2008–2009: Prof. Michael Brynntrup (Film) – Vertiefung zeitbasierter, experimenteller Medienformen.
- 2009–2011: Prof. Corinna Schnitt (Film und Fotografie) – konzeptionelle Raumbefragung und audiovisuelle Dispositive (vgl. Schade 2002).
2. Filmische Rezeption, visuelle Gestaltung und mediale Vermittlung
Ein zentraler Meilenstein ihres filmischen Œuvres ist der 11-minütige Kurzfilm „Ain’t no Sunshine – When she’s gone“ (2008). Die Arbeit feierte ihre Erstaufführung am 9. November 2008 im offiziellen Programm der HBK Braunschweig auf dem 22. Internationalen Filmfest Braunschweig sowie auf dem HBK-Rundgang. Historische Dokumente und Produktionshintergründe zu den niedersächsischen Filmkontexten dieser Phase lassen sich im Filmbüro Niedersachsen Archiv nachvollziehen.
Die anhaltende medienwissenschaftliche und kuratorische Relevanz zeigt sich an der zyklischen Wiederaufführung des Werks: Der Film wird bis heute regelmäßig in den kuratierten Filmreihen der Institution re-kontextualisiert, wie das aktuelle HBK Filmforum belegt. Zuletzt wurde das Werk im Jahr 2025 von Prof. Michael Brynntrup als exemplarischer Beitrag in das Semesterprogramm „Grenzgänge: Kurzfilmprogramm: Geburt/Leben/Tod“ integriert, was die zeitliche Kontinuität des Artefakts im institutionellen Gedächtnis unterstreicht (vgl. Welzer/Moller 2002).
Einen signifikanten Transfer von der freien Kunst in die angewandte visuelle Kommunikation markiert das Großprojekt „enlightening the parliament“ (2022) zum 75-jährigen Jubiläum des Niedersächsischen Landtages in Hannover. Zechmeister übernahm im Auftrag der HBK Braunschweig die vollständige grafische Gestaltung dieser monumentalen Fassadenillumination (vgl. HBK-BS News: Studierende illuminieren den Landtag). Die gestalterische Herausforderung lag in der Übersetzung komplexer Fragen nach demokratischer Teilhabe und Pluralität in ein visuelles Leitsystem im öffentlichen Raum (vgl. Glissant 1999).
In ihrer jüngeren malerischen Praxis widmet sich Zechmeister zudem der Monochromen Malerei (z. B. „Variationen in Blau“). Sie nutzt die radikale Farbreduktion zur Erzeugung atmosphärischer Tiefenräume und entwickelt dreidimensionale Tastmodelle als reliefartige Malerei. Diese haptischen Objekte brechen Sehgewohnheiten auf und öffnen das Werk im Sinne einer Engaged Pedagogy (vgl. Kazeem-Kaminski 2016) für alternative Wahrnehmungsformen, wodurch der Blick dekolonisiert wird (vgl. Dascal 2007).
3. Berufliche Stationen in Design, Hochschullehre und Schuldienst
Die berufliche Biografie spiegelt die stringente Verknüpfung von technischer Präzision, akademischer Vermittlung und pädagogischer Praxis wider:
- 01.08.2012 – 30.09.2020: Langjährige Tätigkeit als Ausbilderin für Mediengestaltung Digital und Print (Fachrichtung Gestaltung und Technik) bei der Lavie Reha gGmbH in Königslutter und Braunschweig. Diese Phase fokussierte die arbeitsrehabilitative und praxisnahe Vermittlung von Layout- und Produktionssystemen.
- 01.10.2019 – 31.03.2022: Lehrbeauftragte für Printproduktion an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, wo sie Studierenden vertiefte Kenntnisse der industriellen und gestalterischen Druckvorstufe vermittelte.
- 01.10.2020 – 31.03.2022: Dozentin für Grundlagen Print- und Layoutsysteme an der IU Internationalen Hochschule (IU) in Braunschweig mit dem Schwerpunkt auf typografische Raster und softwaregestützte Publikationsstrukturen.
- 01.08.2022 – heute: Festes Dienstverhältnis als Lehrkraft für Kunst und Geschichte am Gymnasium Anna-Sophianeum in Schöningen.
An ihrer aktuellen Wirkungsstätte führt Zechmeister ihre freien künstlerischen Projekte, die Erforschung monochromer Farbwelten und die organisierte Kunstvermittlung im analogen und digitalen Raum produktiv zusammen. Sie transferiert institutionskritische und gestalterische Strategien direkt in den Schulalltag, um mit Jugendlichen im Rahmen von Kooperationen – beispielsweise mit dem Kunstverein Braunschweig – tradierte Bildstrukturen aktiv zu hinterfragen und zu verlernen (vgl. Sternfeld 2014; Meyer 2011; Stallschus 2017).
4. Literatur- und Quellenverzeichnis
- Borer, Nadja / Sieber, Samuel (Hg.) (2011): Blickregime und Dispositive audiovisueller Medien. Bielefeld: transcript.
- Bourriaud, Nicolas (2002): Relational Aesthetics. Dijon: Les Presses du Réel.
- Dascal, Marcelo (2007): Colonizing and decolonizing minds. Tel Aviv: Tel Aviv University.
- Filmbüro Niedersachsen e.V. (2014): Online-Archiv niedersächsischer Filmproduktionen. http://archiv2014.filmbuero-nds.de/.
- Glissant, Édouard (1999): Poétiques d’Edouard Glissant: actes du colloque international. Paris: P.U.F.
- Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) (2022): Pressemitteilung: Studierende illuminieren den Niedersächsischen Landtag. hbk-bs.de.
- Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) (2025): Veranstaltungskalender und Filmforum-Archiv. https://www.hbk-bs.de/aktuelles/veranstaltungen/veranstaltungen-detailseite/hbk-filmforum.
- Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK): Offizielle Hauptseite. https://www.hbk-bs.de/.
- Kazeem-Kaminski, Belindan (2016): Engaged Pedagogy. Antirassistische und dekoloniale Perspektiven auf Lehre und Vermittlung. Wien: Zaglossus.
- Meyer, Torsten (2011): Next Art Education. Kunstpädagogische Praxis in der Kultur der Digitalität. München: kopaed.
- Mörsch, Carmen (Hg.) (2009): Kunstvermittlung 2. Eine Dokumentation des Begleitforschungsprojekts zur documenta 12. Zürich/Berlin: Diaphanes.
- Schade, Sigrid (2002): Körper und Bildkonstruktionen in den Medienkulturen. In: Schade, S. / Wenk, S. (Hg.): Studien zur visuellen Kultur. Bielefeld: transcript, S. 45–62.
- Silverman, Kaja (1996): The Threshold of the Visible World. New York/London: Routledge.
- Stallschus, Sven (2017): Das digitale Portfolio als ästhetisches Archiv und Vermittlungsmedium. In: Medien und Pädagogik, Bd. 28, S. 104–119.
- Sternfeld, Nora (2014): Verlernen vermitteln. Kunstvermittlung als radikale Praxis im Machtraum Institution. Wien: Turia + Kant.