ein grafisches Experiment
umherschweifen – ein grafisches Experiment

I. Die Geografie der Restriktion

Die alltäglichen Wege in einem Corona-bedingten Onlinesemester beschränkten sich auf die nur notwendigsten Ziele: von zu Hause (Magenta Punkt) zur Kindertagesstätte (grüner Punkt) und zur Universitätsbibliothek (roter Punkt). Seltene, weiter ferne Ausflüge bildeten die Ausnahme und führten in den Wald (grünes rechteckiges Gebilde) sowie an zwei unterschiedliche Badeseen (Cyan Rechtecke). Der alltägliche Aktionsradius blieb dabei extrem gering – er bewegte sich fast ausschließlich innerhalb eines engen Radius von höchstens vier Kilometern um das eigene Zuhause.

Wie aber kann in diesen beschränkten, rein funktionellen Wegen das „ziellose Umherschweifen“ überhaupt noch gefunden werden? Wer hat in einer durchgetakteten, krisenhaften Gegenwart überhaupt noch die Zeit und den Raum zur zentralen Verweigerung eines Ziels, zur bewussten, unproduktiven Drift?

Meine systematische Arbeit der gezeichneten Wege – exemplarisch festgehalten am Monat Mai 2021 – soll zuerst die Enge des wirklichen Raums beschreiben. Es ist die Enge eines Braunschweiger Viertels im Westlichen Ringgebiet um die eigene Wohnung herum; ein digital und analog isolierter Alltag, „in dem jedes Individuum lebt – geografisch gesehen einen Rahmen, dessen Radius äußerst klein ist“, wie es der französische Soziologe Paul-Henry Chombart de Lauwe 1952 in seiner grundlegenden urbanistischen Studie „Paris und das Pariser Stadtgebiet“ artikulierte.

II. Das Pariser Modell und die Braunschweiger Adaption

Ich vollziehe mit dieser grafischen Arbeit das historische Experiment aus Chombart de Lauwes Untersuchung nach. In seiner soziologischen Kartierung wurden die Wege einer Studentin aufgezeichnet, die im XVI. Arrondissement in Paris lebte. Die visuelle Auswertung war verblüffend: Über den Zeitraum eines ganzen Jahres bewegte sich die junge Frau fast ausschließlich in einem engen, starren, nahezu lückenlosen Dreieck zwischen der Hochschule für Politikwissenschaften, ihrer Wohnung und der Unterkunft ihres Klavierlehrers. Ihr urbaner Aktionsradius offenbarte eine radikale, systematische Begrenzung und funktionale Disziplinierung inmitten der theoretischen Unendlichkeit einer Metropole. Was Chombart de Lauwe als soziologisches Symptom der modernen Klassengesellschaft deutete, erlebte im Lockdown des Jahres 2021 unter dem Vorzeichen des Infektionsschutzes eine globale, existenzielle Renaissance.

In meiner künstlerischen Adaption dieses Experiments blicke ich auf meine eigenen Bewegungen im Mai 2021. Um die Daten nicht im Nachhinein unbewusst zu heroisieren oder die realen Wege während des Gehens visuell zu manipulieren, arbeite ich streng rückwirkend: Ich nutze das passive, ohnehin stattfindende GPS-Tracking meines Smartphones und übersetze diese abstrakten, digitalen Datenströme nachträglich in eine systematische, analoge Zeichnung.

Das Ergebnis dieser visuellen Übersetzung ist die Kartierung einer radikalen Reduktion. Meine fixen Bezugspunkte beschränken sich auf unsere Wohnung als steriler, technischer Ausgangspunkt des Onlinestudiums, den funktionalen Weg zur Kindertagesstätte und den Weg zur Universitätsbibliothek. Einzig die seltenen Ausflüge in den Wald oder an die Seen brechen als geometrische Fragmente aus diesem starren Korridor aus. Es ist eine Mobilität, die zudem rein muskelbetrieben ist: Sämtliche Strecken wurden mit dem Fahrrad bewältigt, selten zu Fuß und pandemiebedingt aus Gründen des Infektionsschutzes nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto.

III. Vom Transit zur Drift: Die Praxis des Umherschweifens

Die gezeichneten Linien dieses Monats werfen eine fundamentale Frage an die künstlerische Praxis des Gehens auf. In den späten 1950er Jahren nutzte die Situationistische Internationale um Guy Debord Chombart de Lauwes Karte der Pariser Studentin als Paradebeispiel für die Entfremdung des modernen Großstadtmenschen. Debord setzte dieser funktionalen Zwangsmobilität das Konzept des Dérive (des Umherschweifens) entgegen – ein bewusstes Sich-Treiben-Lassen durch die urbane Architektur, um die psychogeografischen Wirkungen der Stadt jenseits von Arbeit und Konsum zu erforschen.

Wenn jedoch im Onlinesemester die Geografie des Alltags kollabiert und das Gehen oder Radfahren zum reinen, sterilen Transit zwischen unumgänglichen Pflichten verkommt – wird dann das Aufzeichnen der eigenen Spuren selbst zum Akt des Umherschweifens? In der Monotonie der permanenten Wiederholung, in der minimalen, unbewussten Abweichung der Radspur auf dem immer gleichen Asphalt, beginnt das eigentliche grafische Experiment. Es sucht nach den feinen Rissen in der totalen Funktionalität, nach der Poesie des repetitiven Raums und nach einer neuen, inneren Kartografie der Enge. Die gezeichnete Linie ist hier kein bloßes Abbild eines Weges mehr, sondern die visuelle Behauptung eines Raumes, der sich gegen seine eigene Begrenzung wehrt.


Quellenverzeichnis / Literatur

  • [1] Chombart de Lauwe, Paul-Henry et al.: Paris et l’agglomération parisienne. L’espace social dans une grande cité, Reihe: Bibliothèque de sociologie contemporaine, Paris: Presses Universitaires de France (P.U.F.), 1952. (Hier insbesondere das Kapitel zur räumlichen Begrenzung des Individuums und die grafische Darstellung der Wege der namentlich nicht genannten Studentin aus dem XVI. Arrondissement).
  • [2] Debord, Guy-Ernest: Introduction à une critique de la géographie urbaine, in: Les Lèvres Nues, Nr. 6, Brüssel, September 1955. (Debord bezieht sich hier direkt auf die soziologischen Daten von Chombart de Lauwe und kritisiert die funktionale Reduktion des urbanen Lebens).
  • [3] Debord, Guy-Ernest: Théorie du dérive, in: Internationale Situationniste, Ausgabe Nr. 2, Paris, Dezember 1958. (Die theoretische Fundierung des ziellosen Umherschweifens als subversive, künstlerisch-politische Praxis).

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