ein Kunstprojekt mit Demokrat*innen und interaktive Kunstvermittlung gestalten – an der Schnittstelle zwischen Design und Kunstvermittlung












Gestaltungs- und Vermittlungskonzept für das Kunstvermittlungsprojekt „enlightening the parliament“
Im Rahmen des Kunstvermittlungsprojekts „enlightening the parliament“, das anlässlich des 75-jährigen Jubiläums des Niedersächsischen Landtages in Hannover realisiert wurde, bestand meine Kernaufgabe in der Entwicklung und technischen Umsetzung des umfassenden grafischen Gestaltungskonzeptes. Dieses visuelle System erstreckte sich über Plakate, digitale Dokumentationsmedien sowie analoge Interaktionsmittel und musste den Spagat zwischen monumentaler öffentlicher Präsenz und niedrigschwelliger, individueller Partizipation meistern.
1. Dimensionierte Signalwirkung: Die Mesh-Banner
Eine besondere gestalterische und technische Herausforderung stellte die Bespielung des urbanen Raums dar. Für die Technik-Türme der großflächigen Video-Installation direkt vor dem Landtagsgebäude mussten großformatige Mesh-Banner im Format von jeweils 2 Metern Breite und 7 Metern Höhe konzipiert werden. Neben den extremen Dimensionen verlangte die Platzierung im Außenraum eine präzise Abstimmung von Kontrasten, Typografie und Materialbeschaffenheit, um der weithin sichtbaren Installation einen klaren visuellen Rahmen zu geben und gleichzeitig der Statik der Turmbauten gerecht zu werden.
2. Visuelle Reduktion als demokratischer Türöffner: Das Fragekarten-Set
Im Zentrum des partizipativen Ansatzes stand die Entwicklung von 53 Fragekarten zu zentralen Fragen der Demokratie sowie die Konzeption einer flankierenden Website zur nachhaltigen Dokumentation des Projekts. Um 15 komplexe politische Themenfelder – wie etwa „Demokratie stärken“, „Partizipative Formen der Beteiligung“ oder „Radikalisierung der Demokratie“ – visuell greifbar zu machen, wurde eine minimalistische Formsprache aus geometrischen Symbolen entwickelt.
Der bewusste Verzicht auf figürliches Bildmaterial diente als strategisches Werkzeug:
- Bruch des kunstgeschichtlichen Kanons: Das Aussparen konkreter bildlicher Repräsentationen verhinderte, dass die Rezeption in eine vorab festgelegte, eurozentristische Sehgewohnheit gelenkt wird.
- Barrierefreiheit des Zugangs: Da kein bildungsbürgerliches Vorwissen nötig ist, öffnet die rein abstrakte Geometrie einen intuitiven, emotionalen Zugang für alle Gesellschaftsgruppen.
- Nonverbale Kommunikation: Die Kombination aus elementaren Formen und leuchtenden, bunten Farben vermittelt – ganz im Sinne des Designtheoretikers Johnny Levanier – Charaktereigenschaften und Emotionen auf einer rein nonverbalen Ebene. Sie bricht die Schwelle zum oft als elitär empfundenen Thema Politik.
3. Der öffentliche Raum als ambivalenter Verhandlungsort
Die Platzierung des Kunsevents unter freiem Himmel transformierte den für Jugendliche oft umstrittenen oder distanzierten öffentlichen Raum vor dem Landtag in eine offene Begegnungszone. Das niedrigschwellige Design der Fragekarten lud Passant*innen explizit zum Mitnehmen und Mitdenken ein, ohne dass hierfür die ehrwürdigen und oft einschüchternden Schwellen eines Museums oder des Parlamentsgebäudes selbst überschritten werden mussten.
Trotz dieses barrierefreien Angebots offenbarte das Projekt eine interessante Ambivalenz in der Zielgruppenresonanz, insbesondere mit Blick auf die politischen Akteure des Landtages:
- Zurückhaltung im direkten Dialog: Das Angebot zur unmittelbaren, spontanen Diskussion vor Ort wurde von den Abgeordneten nicht in dem Maße angenommen, wie es im Vorfeld zu erwarten gewesen wäre.
- Begeisterung für mediale Repräsentation: Im Gegensatz dazu wurde die digitale Teilhabe – die Möglichkeit, über ein Videostatement direkt auf der illuminierten Fassade des Landtages sichtbar zu sein – von den Politiker*innen enthusiastisch genutzt und auf Social-Media-Kanälen wie Facebook positiv kommentiert (vgl. Alt 2022).
Diese Diskrepanz lässt Raum für zwei unterschiedliche Interpretationsansätze. Einerseits könnte vermutet werden, dass die Generation der Abgeordneten, die mehrheitlich nicht zu den Digital Natives zählt, mit stark dialogischen, partizipativen und von unten heraus selbstbestimmten Kulturformaten weniger sozialisiert ist und daher traditionellere Kommunikationswege bevorzugt. Andererseits widerspricht dieser These das ausgeprägte Interesse an der Produktion digitaler Videostatements. Es zeigt sich vielmehr, dass die Verhandlung von Demokratie im öffentlichen Raum ein dynamischer Prozess bleibt, bei dem die gewählten Repräsentant*innen die mediale Bühne der klassischen, unvorhersehbaren Konfrontation im analogen Raum vorziehen.
Literatur- und Quellenverzeichnis:
- Alt, Lars (2022): Facebook-Post vom 10.05.2022. Slogan: „Hochschule trifft Kultur, Zivilgesellschaft und Stadtentwicklung. Ich freue mich Teil von ‚enlightening the parliament‘ zu sein […]“. Verfügbar unter: https://www.facebook.com/alt.politik/ (Zugriff am [10.05.2022]).
- Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (2022): enlightening the parliament. Studierende illuminieren Niedersächsischen Landtag. Pressemitteilung vom 29. April 2022. Verfügbar unter: https://www.hbk-bs.de/aktuelles/news-pressemitteilungen/news-detailseite/studierende-illuminieren-den-niedersaechsischen-landtag (Zugriff am [10.05.2022]).
- Levanier, Johnny (2021): Die Bedeutung von Formen im Design. In: 99designs Blog. Verfügbar unter: https://99designs.de/blog/design-tipps/bedeutung-von-formen/ (Zugriff am [10.05.2022]).