AUSSTELLUNGSDESIGN
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Dokumentation der Roto-Werke Königslutter: Das ortsbezogene Ausstellungskonzept als Re-Kontextualisierung von Industriegeschichte und industrieller Druckgrafik

1. Einleitung, zeithistorischer Kontext und räumliche Verortung

Die Aufarbeitung und Musealisierung von regionaler Industriegeschichte im öffentlichen und halböffentlichen Raum stellt eine zentrale Aufgabe der zeitgenössischen Kunstvermittlung und Kulturwissenschaft dar (vgl. Mörsch 2009; Sternfeld 2014) [Mörsch 2009, Sternfeld 2014]. Dieses ortsbezogene Ausstellungskonzept widmet sich der Geschichte und dem strukturellen Wandel der historischen Roto-Werke in Königslutter am Elm, einem ehemals global agierenden Produzenten von Vervielfältigungs- und Druckmaschinen.

Die historische Genese des Geländes ist eng mit der Transformation der Arbeitswelten im 20. Jahrhundert verknüpft:

  • 1921: Gründung des Werks auf einem stillgelegten Fabrikgelände mit einer Grundfläche von 6.000 m² und einer initialen Belegschaft von 40 Mitarbeiter*innen [Roto-Werke – Stadt Königslutter]. Es begann die spezialisierte Entwicklung, Fertigung und der weltweite Vertrieb von innovativen Druck- und Matrizenvervielfältigern.
  • 1968: Zur wirtschaftlichen Hochphase des Unternehmens beschäftigten die Roto-Werke über 800 Mitarbeiter*innen am Standort Königslutter und prägten maßgeblich die industrielle Infrastruktur der Region [Roto-Werke – Stadt Königslutter].
  • 1982: Infolge tiefgreifender Marktveränderungen durch das Aufkommen moderner Fotokopierer und digitaler Druckverfahren musste das Werk nach einem Insolvenzverfahren dauerhaft geschlossen werden [Roto-Werke – Stadt Königslutter].

Unter dem Titel „Königslutter. Eine Ausstellung dokumentiert die Roto-Geschichte“ wurde im Jahr 2015 im Rahmen einer Kooperation eine umfassende konzeptionelle Aufarbeitung dieses Areals realisiert. Die physische Verortung der permanenten Dokumentation befindet sich direkt auf dem geschichtsträchtigen Areal des heutigen Trägers:

Zu sehen auf dem Gelände der:
Lavie Reha gGmbH
Fallersleber Straße 12
38154 Königslutter [Lavie Reha gGmbH]

Die soziale Institution nutzt den historischen Industriekomplex heute als inklusiven Raum für soziale und berufliche Rehabilitation [Lavie Reha gGmbH].


2. Das ortsbezogene Ausstellungskonzept: Innen- und Außenraum im Dialog

Das für die ROTO-Ausstellung entwickelte, ortsbezogene Ausstellungskonzept bricht mit der sterilen Ästhetik des traditionellen White Cube und aktiviert das historische Industriegelände als lebendiges Exponat an sich (vgl. Meyer 2011; Sabisch 2007) [Next Art Education. Kunstpädagogische Praxis in der Kultur der Digitalität, Inszenierung der Suche. Erkundungen kunstpädagogischer Praxis]. Durch das gezielte Bespielen von Innen- und Außenbereichen wird eine physische Nahbarkeit erzeugt, die den Besucher*innen die historische Dimension der Arbeitsprozesse räumlich erfahrbar macht (vgl. Foucault 2005) [Von anderen Räumen].

Das visuelle Leitsystem und die materielle Umsetzung der Ausstellung wurden konsequent an die industrielle Ästhetik der Jahrhundertmitte angepasst. Die gestalterische Umsetzung umfasst im Detail:

  1. Großformatige Informations-Tafeln (Format A0): Diese wurden im Sublimationsverfahren direkt auf robustes Metall gedruckt, um eine haptische Analogie zu den im Werk produzierten Druckmaschinen und Metallbauteilen herzustellen.
  2. Großflächige Mesh-Banner: Im Außenbereich rahmen wetterfeste Gewebe-Banner die Architektur und spannen monumentale visuelle Brücken zwischen historischem Fotomaterial und der heutigen baulichen Realität.
  3. Kleinformatige Metall-Schilder: Diese fungieren als dezentrale Orientierungspunkte und Objektheftungen an spezifischen Werksteilen, um punktuelle historische Informationen direkt am Ort des Geschehens zu verankern.

Die visuelle Informationsarchitektur folgt dabei dem theoretischen Prinzip des „Auslegens in Bildern“ (vgl. Otto/Otto 1987) [Auslegen. Ein Handbuch zur Bildbetrachtung und Kunstrezeption]. Sie ermöglicht es den Rezipierenden, die Entwicklung von der Gründung im Jahr 1921 bis zur Schließung 1982 schrittweise nachzuvollziehen, ohne in eine rein chronologische Textwüste gedrängt zu werden.


3. Die Synthese aus Druckgrafik, Vermittlung und Rehabilitation

Die Erarbeitung dieser Ausstellung markiert zudem eine wesentliche Schnittstelle zu den medienpädagogischen und gestalterischen Kernkompetenzen im Bereich der Print- und Layoutsysteme (vgl. Stallschus 2017). Die Erforschung der Roto-Vervielfältiger stellt eine direkte Verbindung zur Geschichte der Reproduktions- und Druckgrafik dar – ein Thema, das in den Lehrplänen der Kunstvermittlung eine fundamentale Rolle einnimmt (vgl. Peez 2012) [Einführung in die Kunstpädagogik].

Gleichzeitig verweist das Projekt auf die Schnittstelle zwischen kreativer Praxis und sozialer Verantwortung im Sinne einer Engaged Pedagogy (vgl. Kazeem-Kaminski 2016) [Engaged Pedagogy. Antirassistische und dekoloniale Perspektiven auf Lehre und Vermittlung]. Durch die dauerhafte Verankerung der Dokumentation auf dem Gelände der Lavie Reha gGmbH wird Industriegeschichte nicht als totes Archiv verwaltet, sondern als identitätsstiftender Bezugspunkt in ein lebendiges, rehabilitatives Umfeld integriert [Lavie Reha gGmbH]. Die Ausstellung leistet somit einen Beitrag zur Demokratisierung von Geschichtswissen im öffentlichen Raum, indem sie die historische Leistung der Arbeiter*innen sichtbar hält und tradierte Erinnerungsstrukturen auf Augenhöhe vermittelt (vgl. Welzer/Moller 2002) [Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis].


4. Literatur- und Quellenverzeichnis

  • Foucault, Michel (2005): Von anderen Räumen. In: Dünne, J. / Günzel, S. (Hg.): Raumtheorie. Ein interdisziplinäres Lesebuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 317–329 [Von anderen Räumen].
  • Kazeem-Kaminski, Belindan (2016): Engaged Pedagogy. Antirassistische und dekoloniale Perspektiven auf Lehre und Vermittlung. Wien: Zaglossus [Engaged Pedagogy. Antirassistische und dekoloniale Perspektiven auf Lehre und Vermittlung].
  • Lavie Reha gGmbH (2015): Geländedokumentation und soziale Rehabilitation am Standort Königslutter. lavie-reha.de [Lavie Reha gGmbH].
  • Meyer, Torsten (2011): Next Art Education. Kunstpädagogische Praxis in der Kultur der Digitalität. München: kopaed [Next Art Education. Kunstpädagogische Praxis in der Kultur der Digitalität].
  • Mörsch, Carmen (Hg.) (2009): Kunstvermittlung 2. Eine Dokumentation des Begleitforschungsprojekts zur documenta 12. Zürich/Berlin: Diaphanes [Kunstvermittlung 2. Zwischen Kritik und Praxis. Eine Dokumentation des Begleitforschungsprojekts zur documenta 12].
  • Otto, Gunter / Otto, Maria (1987): Auslegen. Ein Handbuch zur Bildbetrachtung und Kunstrezeption. Seelze: Friedrich Verlag [Auslegen. Ein Handbuch zur Bildbetrachtung und Kunstrezeption].
  • Peez, Georg (2012): Einführung in die Kunstpädagogik. 4. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer [Einführung in die Kunstpädagogik].
  • Roto-Werke GmbH (2020): Stadtarchiv Königslutter: Zur Wirtschaftsgeschichte der Industriebetriebe im 20. Jahrhundert. Stadt Königslutter am Elm [Roto-Werke – Stadt Königslutter].
  • Sabisch, Andrea (2007): Inszenierung der Suche. Erkundungen kunstpädagogischer Praxis. Bielefeld: transcript [Inszenierung der Suche. Erkundungen kunstpädagogischer Praxis].
  • Stallschus, Sven (2017): Das digitale Portfolio als ästhetisches Archiv und Vermittlungsmedium. In: Medien und Pädagogik, Bd. 28, S. 104–119.
  • Sternfeld, Nora (2014): Verlernen vermitteln. Kunstvermittlung als radikale Praxis im Machtraum Institution. Wien: Turia + Kant [Verlernen vermitteln. Kunstvermittlung als radikale Praxis im Machtraum Institution].
  • Welzer, Harald / Moller, Sabine (2002): Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer [Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis].

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