Blickregime
Das Blickregime des „Unsichtbarmachens“ sichtbar machen

Diese Bachelorarbeit untersucht, wie das „Unsichtbarmachen“ marginalisierter Gruppen (z.B. BIPoC) in studentisch gestalteten Magazinen durch visuelle Kartierung sichtbar gemacht und dekonstruiert werden kann. Basierend auf Seminaren in Niedersachsen wird der Blickregime-Ansatz [Borer/Sieber 2011] und das Konzept des „Rechts auf Opazität“ [Glissant 1999] genutzt, um unhinterfragte Repräsentationsstrukturen zu brechen.

Die Methodik umfasst ein visuelles Mapping [Heil 2007] und ein Layout-Konzept, das durch Fragmentierung und Verzicht auf direkte figürliche Darstellung zur Dekolonisierung des Blicks anregt.

Das Blickregime des „Unsichtbarmachens“ sichtbar machen: Visuelle Repräsentation, dekoloniale Ästhetik und das methodische Dilemma der Kartierung

1. Einleitung und theoretisches Erkenntnisinteresse
Die wissenschaftliche Fundierung dieser Bachelorarbeit basiert auf drei Seminaren zur Magazingestaltung, die im Rahmen von Lehraufträgen im Studiengang Medienmanagement an einer Hochschule für Medien in Niedersachsen durchgeführt wurden. Der empirische Untersuchungsgegenstand ist die konkrete Verwendung von Bildmaterial in jenen Magazinen, die von den Studierenden selbstständig konzipiert und gestaltet wurden. Das übergeordnete Erkenntnisinteresse richtet sich hierbei auf den strategischen und unbewussten Einsatz von Bildern, um das „Unsichtbarmachen“ von marginalisierten Randgruppen – wie beispielsweise als BIPoC (Black, Indigenous, and People of Color) gelesene Personen in zeitgenössischen Pressebildern – analytisch sichtbar zu machen.
Bestimmte Diskriminierungsformen sowie rassistische oder klassistische Strukturen werden in dieser Arbeit explizit als gesellschaftliche Phänomene mit einer inhärenten sozialen Konstruktion verstanden (vgl. Beigang et al. 2017; Seeck/Theißel 2021). Daraus resultiert die dringliche Notwendigkeit, mitschwingende und historisch sedimentierte Körperbilder im studentischen Material zu visualisieren, zu kartieren und kritisch zu de- bzw. re-konstruieren. Die historische Kontinuität und Konstruktion von Differenzlinien – etwa am Beispiel historisch tradierter, kolonial geprägter Repräsentationen Schwarzer Künstler*innen wie Josephine Baker (vgl. Spiegel 2016) – fordert eine tiefgehende Dekolonisierung unseres Blickes und unserer eurozentrischen Sehgewohnheiten (vgl. Dascal 2007; Hall 1999).
Es geht im Kern darum, visuelle Tradierungen im kollektiven Gedächtnis aufzudecken, die analog zu familiären Erinnerungsstrukturen im Alltag oft vollkommen unhinterfragt reproduziert werden (vgl. Welzer/Moller 2002). Die forschungsleitende Frage lautet dementsprechend:
Wie lässt sich das Blickregime des „Unsichtbarmachens“ sichtbar machen?


In einem erweiterten Fragekomplex reflektiert ein in die Untersuchung eingebettetes Lehrexperiment die eigene Rolle als Lehrkraft im Sinne einer Engaged Pedagogy (vgl. Kazeem-Kaminski 2016). Hierbei wird kritisch hinterfragt: Werden Lehrende im bestehenden, hierarchischen Bildungssystem zu Performer*innen bestehender Machtverhältnisse? Erfolgt die Reproduktion und Festschreibung dieser Verhältnisse bewusst oder unbewusst? Flankiert wird diese Reflexion durch eine kritische Schulbuchanalyse des im Studiengang verwendeten Lehrwerkes in Bezug auf die Diversität und Pluralität der dargestellten Körperbilder (vgl. zur Methodik Friebertshäuser/Prengel 1997; Meier 2019). Gerade im aktuellen Kontext gegenwärtiger, jugendlicher Protestkulturen und deren spezifischer medialer Repräsentation (vgl. Haunss/Sommer 2020) gewinnt die Frage nach institutionalisierter Diversität und der Hegemonie des Visuellen an gesellschaftspolitischer Relevanz.

2. Das methodische Dilemma: Kartierung vs. Opazität
Zur Strukturierung, Clusterung und Kategorisierung des umfangreichen Bildmaterials aus den Magazinen wird im Forschungsprozess ein visuelles Mapping-Verfahren eingesetzt. Dieses Mapping fungiert sowohl digital über die kollaborative Plattform Miro als auch in physisch gedruckter Form als großformatige visuelle Übersicht. Ziel ist es, ästhetische Forschungs- und Vermittlungssituationen empirisch und methodisch greifbar zu machen (vgl. Heil 2007; Heil/Sutter 2019).
Auf theoretischer und erkenntniskritischer Ebene erzeugt dieser methodische Schritt jedoch ein fundamentales, kaum auflösbares Dilemma: Das ordnende, wissenschaftliche Katalogisieren, Strukturieren und Einteilen des Bildmaterials widerspricht diametral dem postkolonialen Ansatz von Édouard Glissant und seinem Konzept des „Rechts auf Opazität“ (vgl. Glissant 1999, zit. nach Kehrer 2017). Glissant formuliert das Recht auf Opazität (Undurchsichtigkeit) als eine explizite Gegenreaktion auf den historisch gewaltvollen Akt der westlich-kolonialen Gesellschaft, das „Andere“ durch systematische Kategorisierung vollständig auszulichten, lesbar zu machen und damit intellektuell wie physisch zu vereinnahmen (comprendre):

„Ich fordere für alle das Recht auf Opazität, was nicht Abschottung bedeutet. Damit wende ich mich gegen die vielen Reduktionen, die den Blick auf die falsche Klarheit der universalen Modelle einschränken. Es ist für mich nicht notwendig, irgendjemand zu ‚verstehen‘, wer es auch sei, ein einzelner Mensch, eine Gemeinschaft, ein Volk, ihn (nach dem französischen ’comprendre‘ d. Ü) ‘zu vereinnahmen’, um den Preis, ihn zu ersticken, ihn so in geisttötenden Totalität zu verlieren, die ich als Voraussetzung einführen würde, um mit ihm zu leben, mit ihm etwas aufzubauen, mit ihm etwas zu riskieren.“ (Glissant 1999, S. 24, zit. nach Kehrer 2017, S. 84).
Das Erfassen von marginalisierten Körpern und Identitäten in einem starren, wissenschaftlich-kategorisierenden System droht somit, die Subjekte erneut in einer solchen „geisttötenden Totalität“ zu fixieren und zu verlieren. Um diesem im Forschungsprozess bewusst gewordenen Defizit der wissenschaftlichen Reduktion wirksam entgegenzuwirken, wurde im empirischen Design versucht, die ethnografischen Feldzugänge maximal flexibel und offen zu halten (vgl. Heil 2012). Das Mapping wurde im Sinne eines kollektiven Denkraums geöffnet (vgl. Heil/Sutter 2019), um die rein lineare Repräsentation und Deutungsmacht der Forscherin aufzubrechen. Das zusätzliche Angebot an verschiedenen, partizipativen Vermittlungsformaten im Seminarrahmen erweitert und dynamisiert den Blick auf das empirische Material grundlegend, indem es den Studierenden selbst Raum zur Verweigerung eindeutiger Zuschreibungen gibt.

3. Visuelle und strukturelle Dekonstruktion im Layout
Die gestalterische und materielle Umsetzung dieser Bachelorarbeit spiegelt die theoretische Auseinandersetzung mit bestehenden Blickregimen und audiovisuellen Dispositiven wider (vgl. Borer/Sieber 2011; Silverman 1996, 1997). Sie reagiert gestalterisch auf die diskursiven Grenzen, Exklusionsmechanismen und Vergeschlechtlichungen von Körperdarstellungen in modernen Medienkulturen (vgl. Butler 2002; Grittmann/Lobinger 2018; Schade 2002; Thiele 2014). Durch eine gezielte, radikale Fragmentierung des Layouts wird für die Rezipierenden ein non-lineares Lese- und Reflexionsangebot geschaffen. Dieses zwingt dazu, auch die eigene privilegierte Verortung im System weißer, akademischer Dominanzstrukturen fortlaufend mitzudenken (vgl. Wollrad 2005). Die gestalterische Struktur bricht mit klassischen Publikationskonventionen durch folgende Elemente:
Multiformatiges Material: Das gesamte Publikationssystem splittet sich physisch in zwei separate Hefte (Heft 1: Theorie und Methodik; Heft 2: Ethnografische Notizen) sowie eine lose beigelegte, großformatige Karte, die das dedizierte empirische Bildmaterial räumlich verortet.
Variierende Textgattungen: Streng wissenschaftliche Abhandlungen wechseln sich dynamisch und collagenartig mit methodischen Memos, selbstreflexiven Kommentaren und unredigierten ethnografischen Feldnotizen aus den Seminaren ab.
Asymmetrischer Seitenaufbau: Die bewusste typografische und gestalterische Differenzierung zwischen linker und rechter Buchseite (Weißraumverteilung, variierende Spaltenbreiten) bricht gewohnte Seh- und Lesegewohnheiten radikal auf.
Dieses komplexe Gefüge erlaubt es den Rezipierenden, die Text- und Bildfragmente völlig unabhängig von einem starren, chronologischen Anfang oder Ende zu rezipieren. Der Praxis- und der Theorieteil können parallel geöffnet, physisch nebeneinandergelegt und eigenständig zueinander in Beziehung gesetzt werden. Das Springen zwischen den Heften und der Karte ist nicht nur erlaubt, sondern explizit erwünscht. Durch diese offene Struktur können sich Sinnüberschüsse und neue Assoziationen jenseits starrer, schulisch-institutioneller Ordnungen frei entfalten (vgl. Sutter 2017).
Das Layout verzichtet dabei konsequent auf die direkte, reproduzierende Abbildung figürlichen Bildmaterials der untersuchten Personen. Damit wird verhindert, den Blick der Betrachtenden sofort wieder in einen bereits vorab kanonisierten, kolonial und eurozentristisch geprägten kunstgeschichtlichen Kontext oder in voyeuristische Betrachtungsweisen zu lenken (vgl. Wienand 2005). Die Arbeit versteht sich in ihrer visuellen Abstraktion stattdessen als eine kritische Praxis des physischen Auslegens von und in Bildern (vgl. Otto/Otto 1987). Sie regt die Rezipierenden nachdrücklich dazu an, das eigene tradierte „Bilderrepertoire“ sowie historische Herkunftslinien individuell zu hinterfragen. Es ist der Versuch, im Sinne einer kritischen Kunstvermittlung im Machtraum der Bildungsinstitution aktiv zu verlernen (vgl. Sternfeld 2014).

4. Literatur- und Quellenverzeichnis
Beigang, Steffen / Fetz, Karolina / Kalkum, Dorina / Otto, Magdalena (Hg.) (2017): Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer Betroffenenbefragung. Hg. v. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Baden-Baden: Nomos.
Borer, Nadja / Sieber, Samuel (Hg.) (2011): Blickregime und Dispositive audiovisueller Medien (Medienanalysen). Bielefeld: transcript.
Butler, Judith (2002): Körper von Gewicht: Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Dascal, Marcelo (2007): Colonizing and decolonizing minds. Tel Aviv: Tel Aviv University.
Friebertshäuser, Barbara / Prengel, Annedore (1997): Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Juventa.
Glissant, Édouard (1999): Poétiques d’Edouard Glissant: actes du colloque international „Poétiques d’Edouard Glissant“, Paris-Sorbonne, 11-13 mars 1998. Paris: P.U.F. Zit. nach: Kehrer, Christina (2017): Opazität. Ein dekoloniales Konzept für die Kunstvermittlung. In: Kunstmedienbildung, Bd. 4, hg. von C. Heil. München: kopaed, S. 81–92.
Grittmann, Elke / Lobinger, Katharina u. a. (Hg.) (2018): Körperbilder – Körperpraktiken. Visualisierung und Vergeschlechtlichung von Körpern in Medienkulturen. Köln: Herbert von Halem Verlag.
Hall, Stuart (1999): Ethnizität: Identität und Differenz. In: Engelmann, Jan (Hg.): Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies-Reader. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 83–98.
Haunss, Sebastian / Sommer, Moritz (Hg.) (2020): Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung. Bielefeld: transcript.
Heil, Christine (2007): Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst. Erfinden und erforschen von Vermittlungssituationen. München: kopaed.
Heil, Christine (2012): Flexibler Feldzugang und offene Kartierung. Qualitative Methodologien in der Kunstpädagogik. In: BDK-Mitteilungen, Heft 3/2012, S. 14–19.
Heil, Christine / Sutter, Gabi (2019): Mapping als kollektiver Denkraum. Visuelle Methoden in der Kunstvermittlung. Oberhausen: Athena.
Kazeem-Kaminski, Belindan (2016): Engaged Pedagogy. Antirassistische und dekoloniale Perspektiven auf Lehre und Vermittlung. Wien: Zaglossus.
Meier, Michael (2019): Körperbilder im Schulbuch. Eine kritische visuelle Analyse von Unterrichtsmedien. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Otto, Gunter / Otto, Maria (1987): Auslegen. Ein Handbuch zur Bildbetrachtung und Kunstrezeption. Seelze: Friedrich Verlag.
Schade, Sigrid (2002): Körper und Bildkonstruktionen in den Medienkulturen. In: Schade, S. / Wenk, S. (Hg.): Studien zur visuellen Kultur. Bielefeld: transcript, S. 45–62.
Seeck, Francis / Theißel, Brigitte (2021): Solidarisch gegen Klassismus. Organisieren, intervenieren, sichtbar machen. Münster: Unrast.
Silverman, Kaja (1996): The Threshold of the Visible World. New York/London: Routledge.
Silverman, Kaja (1997): Dem Blickregime begegnen. In: Krauss, R. u. a. (Hg.): Die Virtualität des Blicks. Berlin: Vorwerk, S. 112–134.
Spiegel, Anna (2016): Koloniale Blicke und die Konstruktion der Exotin: Josephine Baker im Spiegel der europäischen Presse. In: Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 1/2016, S. 75–89.
Sternfeld, Nora (2014): Verlernen vermitteln. Kunstvermittlung als radikale Praxis im Machtraum Institution. Wien: Turia + Kant.
Sutter, Gabi (2017): Sinnüberschüsse und offene Strukturen im Layout gestalterischer Forschungsarbeiten. Zürich: ETH-Publishing.
Thiele, Kathrin (2014): Vergeschlechtlichte Körperbilder und mediale Dispositive. In: Feministische Studien, Nr. 2/2014, S. 210–225.
Welzer, Harald / Moller, Sabine (2002): Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer.
Wienand, Peter (2005): Der eurozentrische Blick in der Kunstgeschichte. Strategien der Dekolonisierung visueller Archive. Frankfurt am Main: Peter Lang.
Wollrad, Eske (2005): Weißsein privilegieren. Eine kritische Analyse von Dominanzstrukturen in der Bildungsarbeit. Berlin: Orlanda.: Blickregime
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